99 Jahre Hörspiel in der Schweiz

Foto: Unternehmensarchiv SRF, Radiostudio Zürich

In diesem Blog möchte ich wichtige Produktionen aus der nun hundertjährigen Hörspielgeschichte vorstellen und übergreifende Zusammenhänge klären.

Wer sich weiter in das Thema vertiefen möchte, findet auf meiner Homepage Quellenangaben, detaillierte Informationen, Links und Verzeichnisse, die weiterhelfen. Hier der Pfad dorthin:

Das Deutschschweizer Hörspiel 1925 – 1990

Radio als Medium

Die Institutionsgeschichte des Schweizer Radios ist sicher kein Thema, das Hörspiel­freunde brennend interessiert. Dennoch darf es nicht ausgeblendet werden. Das Radio ist bis heute das tragende Medium des Hörspiels, sozusagen die Bedingung der Mög­lichkeit seiner Existenz, auch wenn sich seit einigen Jahren eine Verschiebung ins Internet abzuzeichnen scheint und zunehmend externe Instanzen als Produzie­rende auftreten. Das Radio stellte zu allen Zeiten als Auftraggeber die – mehr oder weniger üppige – materielle Basis bereit und hat, gerade aufgrund seiner medialen Restrik­tio­nen, direkten Einfluss auf die formale Entwicklung des Hörspiels. Nicht genug damit: Es lieferte in einigen wichtigen Produktionen auch den Stoff für sein Unterhaltungs­angebot.

Medium Radio im Spiegel des Hörspiels

Inhaltlich traten das Medium Radio und sein Programm seit frühester Zeit immer wieder als Setting oder gar quasi als «Akteur» in Szene. «Marémoto» von Pierre Cusy und Gabriel Germi­net, gesendet von Radio Paris am 23. Oktober 1924, bezieht seine dramatische Spannung aus dem fiktiven Funkverkehr zwischen einem im Sturm sinkenden Schiff und den Empfangs­stationen auf dem Festland, den die Hörerinnen und Hörer des öffentlichen Rund­funks mitverfolgen können. Ein ähnliches Szenario machte sich zehn Jahre später die Produktion «Stille um L 303» (1934) zunutze, das erste und einzige Hörspiel des damals in Ley­sin lebenden Studenten Martin Rost. Es behandelt die Kata­strophe eines Luftschiffes, das sich vom Ankermast losreisst und ein Dutzend Men­schen, die sich zur Besichtigung in der Gondel befin­den, entführt. Unter ihnen ist auch – welch ein Zufall – ein Reporter, der über den Bord­sender mit seiner Radio­station Verbindung aufnehmen kann. Heinz Schwitzke sah in der dramatur­gi­schen Verwen­dung des Fern­sprechers oder des Funks ursprünglich einen «Ersatz für die noch nicht erfundene Methode des Springens», dessen sich Friedrich Wolf 1929 in «S.O.S. rao rao Foyn – „Krassin“ rettet „Italia“» und Ernst Johann­sen 1930 in «Brigadevermittlung» bedien­ten, weil sie meinten, «das assoziative Springen noch motivie­ren zu müs­sen.»[i]

1934 stellte dieses Konzept einen Anachronismus dar, der aber von den Schweizer Hörern gebilligt wurde. Wie in dem frühen Hörspiel «Maré­moto» konn­ten die Zuhörer des «funkadäquaten», pseudo-­dokumentarischen Spiels an der sich steigernden Panik und den scheinbar letzten Augenblicken der Passa­giere teilhaben. Die Erstsendung hinterliess offenbar beim Publikum einen starken Eindruck. Ein Hörer aus Aachen, der den Anfang der Sendung ver­passt hatte, schilderte seine Bestürzung über den ver­meintlichen Tatsa­chenbericht und seine Erleichterung über die glückliche Auf­lösung[ii], und Werner Haus­mann berichtet von Hunderten von Telefonan­rufen und Brie­fen, die bezeugten, dass viele Hörerinnen und Hörer «das Gescheh­nis für ebenso wirklich genom­men hatten, wie die amerikanischen Hörer wenig später die Invasion der Mars­men­­schen.»[iii] Eine «gewis­se Panikstimmung» wurde in Deutschland auch ein Jahr später ausgelöst, da die Wiederholung des Spiels mit dem Start des Luftschiffes «Graf Zep­pelin» nach Südamerika zusammen­fiel. Der Presse gelang es aber am folgen­den Tag leicht, das Publikum wieder zu beruhi­gen.[iv] «Stille um L 303» wurde 1951 von den Schweizer Hörern unter sechs vorgeschlagenen Hör- und Sendespie­len der ersten zehn Jahre von Radio Basel als bestes ausgewählt[v], neu pro­duziert und in dieser Aufzeichnung 1988 als bis dahin frühestes Schwei­zer Hör­spiel in der Reihe «Aus der Hörspielgeschichte» wiederholt.

Der Mechanismus, der zu solch panikartigen Reaktionen führte, scheint tat­sächlich derselbe zu sein, den sich vier Jahre später Howard Koch und Orson Welles in ihrem Hörspiel «The War of the Worlds» (1938) systema­tisch zu­nutze machten, um damit eine ungleich stärkere Wirkung zu erzielen. Hörspiele dieser Art nutzen vertraute dokumentarische Radio-Formate, um Fiktion als Faktizität zu vermitteln. Aus diesem Konzept leitet Werner Faulstich die Grundzüge seiner Radiotheorie her. (Faulstich, Werner, Radiotheorie. Eine Studie zum Hörspiel «The War of the Worlds» (1938) von Orson Welles, Tübingen (Narr) 1981) Auch in Europa war «das Radio von Anfang an jener elektronische Tep­pich, der die Informa­tionen unauf­hörlich herein­schweben lässt, während der Mensch im Film sich hinweg­tragen liess in die bunte Sphäre ausgewie­sener Phan­ta­stik.»[vi] Trotz mancher Hinweise auf den fiktiven Charak­ter des Spiels, die schon aus dessen Anlage selbst hervorge­hen, neigten vor allem deutsche Hörer, auf deren unmittelbaren Erfahrungs­horizont die Thematik von «Stille um L 303» am ehesten zuge­schnitten war, dazu, die Sendung als medien­typi­sche Live-Reportage zu interpretieren. Im Unterschied zu Koch und Welles, die den Hörern eine vollkommen phantasti­sche Welt glaubhaft machten, ging es Rost aber mehr darum, den «Dämon Maschine» – so der Titel eines Hörspiels von Franz Carl Endres aus dem­selben Jahr (1934) – zu beschwören, um das Unkontrollier­bare im all­täg­lich Vertrauten einer tech­nisierten Umwelt zu themati­sieren und zu­gleich zu bannen. Um das Spiel zu einem Happy End führen zu können, ohne die dramatische Ent­wick­lung vorzeitig abzu­bre­chen, schien es dem Autor nötig, sein Luft­schiff mit einem Sen­der, nicht aber mit einer funktions­tüchtigen Emp­fangs­­anlage auszustatten. Darin spiegelte sich der status quo des technischen Mediums Radio, für das Bertolt Brecht 1932 – vergeblich – gefordert hat, es sei «aus einem Distributionsapparat in einen Kommu­nikations­apparat zu ver­wandeln», seine Aufgabe sei es, die Zuhörenden «als Lieferanten zu organisie­ren.»[vii] Im mediums Radio, indem es, entgegen der Anlage seines Themas, die reine Distributions­funk­tion rekon­struiert. Wech­selseitige Kommunikation wäre der dramatischen Entwick­lung hinder­lich, ja würde das ganze Spiel unter Umstän­den erübrigen.

Im Unterschied zu solchen pseudo-dokumentarischen Produktionen entwickelte Hans Flesch, der künstlerische Leiter des Frankfurter Senders, aus dem normalen Radiopro­gramm ganz andere Wirkungen. Seine «Zauberei auf dem Sender», das erste deutsch­sprachige Originalhörspiel, das am 24. Oktober 1924, einen Tag nach «Marémoto», live inszeniert wurde, gilt heute als genialer Wurf und eigentlicher Paukenschlag zu Beginn der Hörspielgeschichte. Flesch war nach seiner Promotion zum Doktor der Medizin und kurzem Besuch einer Schauspielschule mit 27 Jahren auf den Posten bei der Südwest­deutschen Rund­funkdienst AG berufen worden und inszenierte sein Hörspiel schon ein hal­bes Jahr danach, war also ein Insider des jungen Mediums wie Altheer. Flesch aber war künstlerisch äusserst vielseitig interessiert, bekannt mit vielen Mitgliedern der Frank­fur­ter Kulturszene, die sich bei ihm in seiner Villa trafen, und entfernt verschwä-gert mit dem avantgardistischen Komponisten Paul Hindemith. Er galt bald schon als der fort­schritt­lichste deutsche Rundfunkleiter. Seine «Sendespiel-Groteske» ist zwar heiter unterhal­tenden Charakters, aber bei Weitem nicht bloss Klamauk, nicht reine Spielerei, als die sie z.B. Heinz Schwitzke missdeutete. Zwar kann sich das Publikum an der wachsen­den Verzweiflung der Radiomacher angesichts der entfes­selten Maschinen-Raserei durchaus ergötzen. Aber hinter dem als «Herr Doktor» angespro­chenen Sen­de­leiter im Spiel, der nur so rasch wie möglich die gute, alte Programm­ordnung restau­rieren möchte, steht nicht der Autor Hans Flesch. Seine Intentionen verkör­pert eher der Zauberer, der wie ein Virus das sensible technische Medium unter seine Kontrolle und aus dem Takt bringt – ein unfreiwilliger Bezug zur digitalisierten Medienwelt der Gegenwart.

Fleschs Zauberer weist aber dennoch schon weit über den technolo­gi­sch-dramatur­gischen Stand seiner Zeit hinaus: Durch seine Intervention entsteht aus den isolierten Komponenten des Programms eine Montage, wie sie im Hörspiel erst Jahre später, routinemässig erst mit der Einführung des Magnetophons, möglich wurde. Damit aber nicht genug: Der Magier fordert die Zuhörenden auf, in die glimmenden Röhren ihrer Empfänger zu schauen, wo sie sein Bild entdecken können. Damit nimmt er das  Fern­sehen als Massenmedium vorweg, das zur damaligen Zeit zwar im Labor erprobt, aber Jahrzehnte später erst auf breiter Basis eingeführt wurde. Die Intervention des Zaube­rers wurde, z.B. durch Exponenten des Neuen Hörspiels, als eine Art Reset des Radio­pro­gramms interpretiert, das in seiner Struktur schon nach kurzer Zeit erstarrt war und dessen Teile, z.B. Reden und wissenschaftliche Vorträge, beim Publikum nicht durch­weg beliebt waren. Harter Schnitt, Wiederholung und Variation von Komponenten wie etwa des Donauwalzers in Fleschs Hörspiel sind Techniken, deren sich viel später erst das Montagehörspiel bediente. Das Verhängnis beginnt aber noch vor dem Auftritt des Zauberers mit dem Auftauchen einer Märchentante, die sich über das «schrecklich erwachsene» Prog­ramm beklagt und gegen den Widerstand von Sprecher und Sende­leiter das Märchen vom «Rundfunkteilnehmer» zu erzählen beginnt, der «mit allem zufrieden [war], was der Sender ihm bot». Die Ironie ist nicht zu überhören.–

Damit wenden wir uns dem etwas trockeneren Stoff der Institutionsgeschichte des Schwei­zer Radios zu, die im Folgenden epochenweise, immer mit Blick auf Bezüge zur Entwicklung des Hörspiels, dargestellt wird. Am Ende jedes Kapitels folgt die Analyse eines Hörspiels, in dem sich Aspekte der Mediengeschichte spiegeln.

Institutionsgeschichte der Pionierzeit bis 1931

Wie in Deutschland leistete auch in der Schweiz das Militär Pionierarbearait bei der Ent­wicklung des Radios. Die erste drahtlose Verbindung zwischen Rigi und Gotthard gelang im Jahre 1905. Einen bedeutenden Aufschwung nahm das Militärfunkwesen während des ersten Weltkriegs.[i] Die ersten Empfangs­konzessionen wurden ab 1911 an Uhrmacher erteilt, welche die Zeit­zeichen von den Sendern Eiffel­turm/Paris und Nauen empfingen. 1922 er­stellte die Stadt Lausanne die erste öffentliche Sendeanlage in der Schweiz, die dritte in Europa; sie diente dem Luftverkehr auf dem Champ-de-l’Air, stand aber gleichzeitig auch dem «Broad­casting» zur Ver­fügung, wie sich in den ersten Jah­ren der Pionierzeit der Unterhaltungs­rundfunk nannte. Am 26.10.22 wurde von dieser Station die erste Radiosen­dung der Schweiz ausgestrahlt. Von da an bildeten sich im ganzen Land Ra­dioama­teurclubs, die sich dem Appara­tebau widmeten, Versuche durch­führten und ein reges Vereinsleben pflegten. 1923 erteilte die Obertelegraphen­direk­tion, welcher laut Bundesgesetz vom 14.10.22 das ausschliessliche Recht zustand, radiopho­nische Installationen zu errichten und zu betrei­ben, die ersten Bewilli­gungen für Versuchssen­dungen der Flugplatzsender Genf, Lausanne und Kloten. Im selben Jahr wurde eine private Programmgesell­schaft gegründet, welche regelmässig musikali­sche Sendungen über die bei­den welschen Stationen ausstrahlte und auch ein gedrucktes Pro­gramm er­scheinen liess. In Zürich unternahm der dortige Radioclub Ver­suche mit den Sendern des Flugplatzes Kloten und des Physi­kalischen Insti­tuts der Universität. Ende 1923 gab es in der Schweiz 980 Radiokonzes­sionäre. Nach längerer Vorbereitung wurde am 16.2.24 die Grün­dungsver­sammlung der Radiogenossenschaft in Zürich (RGZ) abgehal­ten. Ein halbes Jahr später, am 23.8.24, nahm in der Limmat­stadt der erste ausschliess­lich für die Zwecke des Unter­haltungsrundspruchs reser-vierte Sender des Lan­des sei­nen Betrieb auf.

Fast zwei Jahre sollten noch vergehen bis zur Ausstrahlung der ersten schweizerischen Produktion, die als «ein richtiges Radiohörspiel» ange­kündigt wurde, als am 23. August 1924 der Betrieb des Zürcher Senders auf Welle 650 offiziell eröffnet wurde. Studio und Büro waren in zwei Räumen des Amtshauses IV am Lindenhof untergebracht, die Sende­station mit ihren zwei 65 Meter hohen eisernen Gittermasten und dem «Lebku­chen­häuschen», das eine Motor-Generator-Gruppe und die Sendeapparatur beher­bergte, stand auf dem Hönggerberg. Mit 0,5 Kilowatt Antennenleistung stand der Zür­cher «Grosssender» in seinen ersten Monaten «an erster Stelle» und durfte sich mit britischen Stationen durchaus vergleichen.[ii] Mit über 160 Kilometern Reichweite bei Tages­licht konnten nebst der Ost­schweiz auch einige Tal­schaften Graubündens und des Tessins mit Program­men versorgt werden, doch liess die Empfangsqualität in diesen Gebieten oft zu wünschen übrig. Für viele Hörer-Pioniere und ins­besondere für die zahlreichen Radioamateure unter ihnen, die sich ihren Detektor- oder Röhrenemp­fänger selbst bastel­ten, war es von Bedeutung zu wissen, dass ihr Sender bei günsti­gen atmo­sphärischen Bedingungen in weit über tausend Kilometern Entfernung bis hin nach Tromsö und zum Suezkanal empfangen wurde. «Mit den billigsten Apparaten wird es möglich sein, sich durch die Station Höngg stundenlang an jedem Tage unterhalten zu lassen. Wen lockt es nicht heute schon, einen halben Hunderter anzuwenden und dafür Konzerte, Vorträge, überhaupt Unterhaltungen jeder Art bequem und gemüt­lich zu Hause geniessen zu können?» warb Paul Altheer, der erste Sprecher und Programm­leiter, im «Zürcher Theater-, Konzert- und Fremden­blatt»[iii] und gab damit seinen Lesern zu verstehen, dass das Zeitalter des Unterhal­tungsrundfunks auch in der Schweiz begonnen hatte. Die Ber­ner Radiogenos­senschaft wurde am 15.8.25 gegründet, die Radiostation Bern am 19./20. November desselben Jahres in Betrieb genommen. Die Radiogenos­senschaft Basel konstituierte sich am 3.2.26 und feierte am 19.6.26 die Eröffnung des Studios an der Centralbahnstrasse. Die Hörgebühr wurde von der Ober­telegraphendirektion 1924 einheitlich auf Fr.10.- festgesetzt, wovon die PTT-Verwal­tung 20 bis 25% erhiel. 1926 wurde sie auf Fr.12.-, 1928 auf Fr.15.- erhöht, und dabei blieb es bis nach dem zweiten Weltkrieg.

Die Sendungen wurden via Kabel und Freileitungen zu den Sendeanlagen über­mittelt, die sich ausserhalb der Städte befanden. Die Einrichtung der Stu­dios in der Pionierzeit muss man sich sehr einfach vorstellen. In Zürich waren die «Besprechungsräume» in den Jahren 1924 bis 1927 im fünften Stock­werk des Amtshauses IV an der Lindenhof­strasse untergebracht. Der eine diente als Büro, Apparate- und Wartezimmer zugleich, der ande­re als eigentlicher Senderaum. Das Berner Studio, das anfänglich im ehe­ma­ligen Kasino zu Hause war, beschreibt Kurt Schenker folgendermassen:

«Da, wo früher der Speisesaal und dann der Fechtboden im alten höl­zernen ‚Schänzli‘ war, ist ein vornehmer Raum entstanden. Grösse 7 auf 12 Meter. Schwere Portieren und rote Spannteppiche, dazu präch­tige Perser, die man sich seit einem halben Jahr von einer Berner Firma ausgeliehen hat. Weiter ein blau­seidenes Kanapee, sechs Stühle, sechs Notenpulte, ein grosser Ibach-Flügel und eine Heuch­ler-Kommode; auch die beiden Instrumente hat man sich ausgeborgt. Genau im akusti­schen Brennpunkt des stark gedämpften Raumes steht aus feinem Mahago­niholz eine Art Reiswellenbock, in welchem in einem gelben Schwamm­kissen ein schweres, schwarzes Etwas ruht: Das Mikro­phon.»[i]


[i]  Schenker, 1950, S.20

Die Basler Programme konnten anfänglich erst am späteren Abend nach der Lan­dung des letzten Verkehrsflugzeugs beginnen, da sie über den schwachen Sender des Flug­platzes ausgestrahlt wurden. Das Studio war im Bahnhofsge­bäude untergebracht, wo die Radioleute bis zum Umzug 1932 mit Immissionen ver­schiedener Art zu kämpfen hatten.[i] Äusserste Sparsamkeit galt als Devise für die Direktoren aller drei Sender der deutschen Schweiz. Kurt Schenker verfügte 1926 über einen Tageskredit von Fr.100.–; potentielle Mitwirkende musste er oft «wie ein Handköfferli-Reisender» zu Hause auf­suchen, da seine Anfragen in der Regel abschlägig oder gar nicht beant­wortet wur­den.[ii] In Zürich beteiligten sich die Mitglieder des leitenden Ausschusses intensiv an der Administrationsarbeit. Die Radiogenossenschaft Basel konnte sich zunächst nur einen nebenamtlichen Direktor leisten. Die Darstellerinnen und Darsteller arbeiteten in der ersten Zeit ehrenamtlich, ohne einen Lohn zu erhalten.[iii]

Nicht von allen Seiten wurde das neue Medium mit Begeisterung aufgenom­men. Noch heute wird zum Beispiel die «amtliche Erklärung» eines PTT-Funk­tio­närs zitiert, der Mitte der zwanziger Jahre versicherte, «dass wir in der Schweiz das Radio nicht auf­kom­men lassen werden».[iv] Ein Kritiker der Basler «National Zeitung» zweifelte ange­sichts einer Radioinszenierung von Haupt­manns Stück «Hanneles Himmelfahrt» an den Zukunftsaussichten der neuen Gattung «Hörspiel» und witzelte, mit dem Himmel möchte er doch «lie­ber nicht telephonisch verbunden sein»[v]; damit war auch auf die tech­ni­sche Unzulänglichkeit der Übertragung angespielt, welche die akustische Qua­lität einer telefonischen Fernsprechverbindung keineswegs übertraf.

* * *

Die privaten Radiosender in Zürich, Bern und Basel waren stets in Geldnot und mussten anfangs um jeden einzelnen Konzessionär kämpfen. Es erstaunt deshalb wenig, dass die erste Produktion, die als ein «richtiges Radiohörspiel» bezeichnet wurde, nicht wie Fleschs «Zauberei auf dem Sender» im Studio spielte, sondern sich auf die Seite des Publikums begab. Der Autor war wie im Fall der Frankfurter Premiere ein Radio-Profi: Paul Altheer, Sprecher und Sendeleiter des Zürcher Studios und Verfasser einer Reihe von trivialen Satiren für die Bühne des Laientheaters. Von diesen unter­schied sich sein Werk «Der Fünf­lampenapparat» (1926) nur in seinem thematischen Bezug auf das Radio und im Verzicht auf Elemente, die sich via Mikrophon nicht übermitteln liessen. Der Sammelband, in welchem der Text publiziert wurde, ent­hielt weitere Laien­theater­stücke, die zum Teil schon für das Radio inszeniert worden waren. Altheer stand seit zwei Jahren in regem, meist schriftlichem Austausch mit seinem Publikum und wusste über dessen technische Probleme und programmliche Vorlieben bestens Bescheid. Am Beispiel einer Kleinbürgerfamilie insze­nierte er verschie­dene Charaktere und ihr Ver­halten gegenüber dem neuen Medium. Zudem bot dieses Sze­nario Gelegenheit, die höchst unvollkommene akustische Form des Pro­gramms, wie es in der Stube der Rezi­pienten empfangen wurde, hörbar zu machen. Das atmosphäri­sche Rauschen, das heute nach der Einführung von DAB-Radio teils schmerz­lich ver­misst wird, kommt in diesem Stück – nebst Pfeifen, Knattern und tonalen Schwan­kun­gen – ausgiebig zur Geltung. Die Mehrheit der Familie und ihre jungen Besucher zeigen sich durchaus fasziniert von den durch «Zappen» aneinan­dergereihten Bruchstücken von Emis­sionen aus aller Welt und interessieren sich für die technischen Details der noch wenig benut­zerfreundlichen Röhren-Empfangsapparatur. Nur der Vater möchte sich lieber in Ruhe seinem tradi­tio­nellen Medium, der Zeitung, zuwenden. Dass Radio ein Einweg-Medium ist, das Programmwünsche nicht spontan befriedigen kann, erzürnt ihn derart, dass er den teuren Fünflampenapparat in einem fulminanten Finale zertrümmert: Ein Rezipient als Maschinenstürmer, der seinerseits «das Radio nicht auf­kom­men lassen» möchte. Wiederum wendet er sich einem herkömmlichen Medium zu, das immerhin eine auf ihn persönlich zuge­schnittene, beschränkte Auswahl zur Verfügung stellt: Der Grammo­phonapparat lässt zum Schluss den gewünschten, behäbigen Bernermarsch aus seinem Trichter erschallen.–


[i]  vgl. Notz, 1936, S.7; Zellweger, 1936, S.8

[ii] Schenker, 1950, S.20

[iii] vgl. Zellweger, 1936, S.8 f

[iv] zit. nach: Padel, 1973, S.25

[v] zit. nach: FLS., 1945, S.22


 [i]     vgl. Bw., 1941; vgl. zu den folgenden Ausführungen die weiteren Artikel zum zehnjährigen Jubiläum der SRG in SRZ 35/41; ferner: Koch, 1971 sowie das Kapitel „Vorgeschichte“ in: Pünter, 1971, S.13 ff

[ii]      Glogg, 1949, S.22

[iii] Zürcher Theater-, Konzert und Fremdenblatt, August 1924, zit. nach: SIRZ 19/33, S.583


 [i]     Schwitzke, 1963, S.126 f

 [ii]     Th.Schieren, Katastrophe am Lautsprecher. Eine wahre Radiogeschichte, in: SIRZ 13/34, S.401

 [iii]    W.Hausmann, Illustrierte Geschichte des Hörspiels, 2.Teil, in: Hausmann/Held/Bürgin/Job, 1965

 [iv]    Anonym, Ein Hörspiel schafft Verwirrung, in: SRZ 16/35, S.19

 [v]     Unter den „sechs dramatische[n] Sendungen, die im ersten Jahrzehnt mit besonderem Erfolg“ durch Radio Basel ausgestrahlt und deshalb 1951 den Hörern zur Auswahl vorgeschlagen wurden waren ausser Roosts Hörspiel fol­gende Produktionen: Otto Ernst, Flachsmann als Erzieher (Komödie), 1931; Meyer-Förster, Alt Heidelberg (Schauspiel), 1932; Hans Kyser, Prozess So­krates (Hörspiel), 1933; Gasbarra/Pfeil, Fahnen am Matterhorn (Hörspiel), 1934; Fritz Rein­hardt-Sieper, Dr Gyzknäpper (Lustspiel nach Molière), 1936. (W.H., „Wir wiederholen auf vielseitiges Verlan­gen…“, in: SRZ 15/51, S.26)

 [vi]    Faulstich, 1981, S.15

 [vii]    B.Brecht, Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks, in: Brecht, 1967, Bd.18, S.129


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